Postwachstumsökonomie – Chance oder Risiko?
In den vergangenen 150 Jahren durchlief die Lebens- und Arbeitswelt der westlichen Industriestaaten einen fundamentalen Wandel. Eine der maßgeblichen Triebfedern dieser Veränderung war ein im historischen Vergleich einmaliges Wirtschaftswachstum, welches die Basis für ein bis dato unvorstellbar hohes Wohlstandsniveau schuf; insbesondere in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg. Erst mit den Energiekrisen der siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts begann sich dieser Grundtenor zu verändern und Warnungen vor einem Ende der (fossilen) Ressourcen wurden populär. Als sich die Warnungen vor einem Ende der Ressourcen zunehmend als falsch herausstellten, kam mit den Warnungen vor einem anthropogenen Klimawandel ein neues Argument auf; diesmal sollte der Verbrauch zur Senkung des CO2-Ausstoßes vermindert werden und Deutschland schickte sich an, zum internationalen Vorreiter bei der Durchsetzung erneuerbarer Energien zu werden. Unabhängig von diesen Entwicklungen hatte das linke politische Spektrum mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Planwirtschaften des Ostens ihre zentrale Utopie verloren. Erst mit der Mehrfachkrise in den Jahren nach 2008 wurde plötzlich eine grundsätzliche Kritik am westlichen Kapitalismus in Europa und Deutschland wieder gesellschaftsfähig. Die Menschen stellten (berechtigte) Fragen und suchten neue Antworten, welche zugleich den Zeitgeist von Nachhaltigkeit und Ökologie aufgreifen.
Damit war die Voraussetzung für ein Interesse an der Postwachstumsökonomie geschaffen. Reduziert auf das Wesentliche präsentiert sich diese je nach Schwerpunkt als eine Rekombination linker bis konservativer Wachstumskritik (soziale Ungerechtigkeit, Macht des Kapitals, Entfremdung von der Arbeit, Veränderungsdynamik kapitalistischer Ordnungen) mit dezidiert ökologischen Problemperzeptionen, wie Ressourcenverknappung, Umweltverschmutzung und anthropogenem Klimawandel. Viele – jedoch nicht alle – Vertreter der Postwachstumsökonomie fordern deswegen den Verzicht auf Wirtschaftswachstum per se oder propagieren das bewusste Schrumpfen von Ökonomien. Allesamt fordern sie jedoch einen weitreichenden Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft, welcher Reminiszenzen an die verschwunden geglaubten sozialistischen und kommunistischen Utopien weckt. Grund genug für den Arbeitskreis Wirtschaft und Soziales sich einmal ausführlich mit der Postwachstumsökonomie und dem Wirtschaften von Morgen auseinanderzusetzen.
Zu Beginn des gleichnamigen Seminars hielt Prof. Dr. Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft der Uni Kiel ein Plädoyer für eine Wertschätzung der wohlstandsmehrenden Effekte wirtschaftlichen Wachstums. Er führte aus, dass wirtschaftliches Wachstum nicht bedeutet, immer mehr vom immer gleichen zu haben, sondern es vielmehr um qualitatives Wachstum geht, weswegen der von Wachstumskritikern immer wieder zitierte Vorwurf, grenzenloses Wirtschaftswachstum sei widernatürlich, schlicht ins Leere laufe. Damit wird aber auch die Wohlstandsminderung staatlicher Konjunkturprogramme evident, die primär auf eine Ausweitung der Quantität zielen, zumal dann, wenn sie schuldenfinanziert sind und so zu ihrer eigenen Refinanzierung beitragen sollen. Den Proponenten der Endlichkeit natürlicher Ressourcen hielt Herr Kooths entgegen, dass allein die Preissignale des Marktes ausreichen, um den Verbrauch zu reduzieren oder deren Substitutionen zu begünstigen. Außerdem wies er darauf hin, dass man vorsichtig sein solle, anhand einer Messung des Glücks oder der Zufriedenheit der Menschen auf Wohlstand zu schließen, weil Wachstum und die damit einhergehende Wohlstandsmehrung neue und bislang unbekannte Wünsche und Ansprüche begünstigen, so dass die subjektive Zufriedenheit sinkt, obwohl es den Individuen objektiv besser geht.
Auch Frau Dr. Marie Möller vom Institut der deutschten Wirtschaft in Köln plädierte für eine wachstumsorientierte Wirtschaftsweise und wies ebenfalls auf die Probleme einer glücksorientierten Wohlstandsmessung hin, wie sie zusehends populär wird. Ausgehend davon wandte sie sich gegen die Idee, das Bruttoinlandsprodukt durch entsprechende Indizes zu ersetzen, die oftmals methodische Probleme bei der Aggregation oder der Messung nicht-materieller Aspekte aufweisen und für Manipulationen anfällig sind.
Dass Klimaschutz keine pauschale Schrumpfung notwendig mache, wie viele Postwachstumsbefürworter argumentieren, erklärte Dr. Linus Mattauch vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change. Er plädierte stattdessen für eine Art von Green Growth: Die notwendige Dekarbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft solle dank positivem Wirtschaftswachstum und mit Hilfe neuer Technologien umgesetzt werden, so dass allenfalls jene Sektoren der Wirtschaft, die vergleichsweise viel CO2 emittieren, schrumpfen müssten; je nach CO2-Minderungsziel ergänzt um einige Verhaltensanpassungen der Menschen. Ein Vorgang der aber weder mit einer generellen Schrumpfung der Ökonomie noch mit einem grundlegenden Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft zu vergleichen wäre und der Gesellschaft damit unumgängliche Folgeprobleme und enorme Risiken ersparen würde.
Ganz anders argumentierte indessen Dr. Eugen Pissarskoi vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, der dafür plädierte, dass heutige Gesellschaften ihre negativen Auswirkungen auf die Biosphäre radikal zu begrenzen hätten und aus Gründen einer Risikoabwägung dafür nur eine Postwachstumsökonomie (Entlastung der Biosphäre durch Schrumpfung des BIP) in Frage käme, weil eine alternative Green Growth-Strategie (Entlastung der Biosphäre durch technologische Entwicklungen bei positivem Wachstum) riskant sei. Nur eine Schrumpfung der Ökonomie garantiere, dass es sicher zum Schutz der Biosphäre komme, während man bei Green Growth das Risiko eingehen müsse, auf die rechtzeitige Entwicklung hinreichender Technologien zu vertrauen; im Zweifel ginge das jedoch zulasten des Schutzes der Biosphäre. Eine Erklärung, wie ein Umbau hin zu postwachstumsgerechten Institutionen konkret aussehen könnte, blieb er jedoch schuldig. Auch blieb offen, warum eine Strategie für die Zukunft angewendet werden sollte, welche bei ihrer hypothetischen Anwendung in der Vergangenheit einen Großteil der Segnungen des Fortschritts verhindert hätte.
Dass der Umbau hin zu einer Postwachstumsökonomie nicht auf die Unterstützung der Industriearbeiterschaft würde zählen können, wurde im Vortrag von Herrn Xaver Schmidt von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie deutlich, der aus Gründen des Erhalts sozialer und wirtschaftlicher Errungenschaften für eine zurückhaltende Strategie des Green Growth warb, ohne die industrielle Basis zu gefährden.
Zu welchen nicht intendierten Problemen und Widersprüchlichkeiten ein staatlich induzierter Umbau in der Realität führen kann, verdeutlichte Steffen Hentrich vom Liberalen Institut am Beispiel der deutschen Energiewende. Steigende Strompreise als Folge von Eingriffen in den freien Markt benachteiligen deutsche Industrieunternehmen in internationalen Wettbewerb; so verdoppelten sich die Strompreise pro Kilowattstunde für private Haushalte und nicht-begünstigte Industriestromkunden seit Anfang der 2000er Jahre. Außerdem habe das EEG die Strompreisbildung so verzerrt, so dass die Rentabilität neuer flexibler Kohle- und Gaskraftwerke unterminiert wird, weswegen die Versorgungssicherheit zusätzlich leidet, da ohnehin Speicherkapazitäten zum Ausgleich der fluktuativen Erzeugung regenerativen Stroms sowie hinreichende Netzkapazitäten fehlen, um diesen in Deutschland zu verteilen. Dabei sind die CO2-Emissionen des Stromsektors trotz des massiven Ausbaus der erneuerbaren Energien von 2000 bis 2015 nur um knapp vier Prozent auf 313 Mio Tonnen CO2 gesunken.
Zum Abschluss des Seminars führte Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel in die noch relativ junge Glücksforschung ein. Diese geht davon aus, dass individuelles Glück empirisch messbar sei und Menschen nur dann ein erfülltes Leben würden führen können, wenn sie Ziele verfolgen, welche die psychischen Grundbedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit stärken. Anders als Herr Kooths und Frau Möller, folgerte Herr Ruckriegel aus dem fehlenden Zusammenhang zwischen steigendem Wohlstand und steigendem aggregiertem Glücksempfinden die Legitimation, Politik nicht ausschließlich an wirtschaftlichem Wachstum auszurichten. In der anschließenden kontroversen Diskussion konnte er einige grundlegende Kritiken an der Methodik der Glücksforschung jedoch nicht vollständig ausräumen: Glück, so der Einwand, sei mehr ein kulturelles Konstrukt und die Messung über Fragen nach persönlichem Glücksempfinden tautologisch; ganz zu schweigen von Problemen der Skalierbarkeit persönlichen Glücksempfindens oder der Aggregation individueller Messungen bis hin zu einem Volks-Glücksempfinden. Auch der Einwand, dass kollektive Ziele zu einem ›glücklicheren Leben‹ mit der individuellen Freiheit kollidieren und Angriffspunkte bieten, für anderweitige politische Ziele missbraucht zu werden, konnte am Ende nicht ausgeräumt werden.
Alles in allem offenbarte das Seminar, dass eine Postwachstumsökonomie mehr Risiko als Chance für die Zukunft ist. Nimmt man die Entwicklung der vergangenen 150 Jahre als Maßstab, so gibt es wenig Grund zu der Annahme, dass Wissensfortschritt und neue Technologien nicht zur Lösung unserer Probleme beitragen können. Wenn – und das ist die große Gefahr und damit der Auftrag an alle Liberale! – die grundlegenden Voraussetzung zu deren gedeihlicher Entwicklung erhalten bleiben und nicht aus Angst vor der Zukunft zerstört werden: Eigentumsrechte, Vertragsfreiheit und Schadensersatz.
Seminarleitung: Christian Huß und Jens Hertha
Bericht: Christian Huß
Fotos: Matthias Göhner
Das Seminar mit dem „Postwachstumsökonomie und dem Wirtschaften von Morgen“ fand vom 22.-24.04.2016 in der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach statt.